An unsere Gegner von Rudolf Lavant

Ihr habt die Kunst sogar gepachtet
Wie alles, was das Leben schmückt,
Und wenn ihr dieses Buch betrachtet,
Seid ihr gewißlich nicht entzückt.
Ich kenne euch und eure Phrasen,
So euren Haß wie eure Gunst!
Ich weiß, ihr rümpft etwas die Nasen
Und sprecht vom „Fehlen aller Kunst“.
 
Ein Lächeln tritt auf meine Lippen.
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Ist es denn leicht nicht einzusehn,
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Daß wir aufs Kippen und aufs Wippen
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Der Silben schlecht nur uns verstehn?
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Wir sind ästhetisch nicht erzogen –
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Es hat kein Dichter dieses Buch’s
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Den Tonfall ängstlich abgewogen
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Beim Wort des Zornes und des Fluch’s.
 
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„Eintönig“ will es euch erscheinen?
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So blättert doch nicht weiter fort! –
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„Eintönig bis hinab zum Kleinen“
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Ist in der That das rechte Wort.
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Ich will es – ganz gewiß! – nicht drehen;
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Was blickt ihr nur so säuerlich?
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Daß wir uns ganz und gar verstehen,
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Beglückt in tiefster Seele mich.
 
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Eintönig – ja – wie Kronenbrausen
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Im Eichwald bei Gewitters Nah’n,
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Wie schwanker Föhrenwipfel Sausen
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In einer Frühlingsnacht Orkan;
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Eintönig – wie der Laut der Klage,
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Der um geborstne Zinnen weht,
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Der schleppend auch am stillsten Tage
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Durch lange Trümmergänge geht.
 
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Am Meere seid ihr doch gewesen?
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Natürlich „ja“ – was frag’ ich auch?
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Die Nerven müssen doch genesen
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In seinem herben, frischen Hauch.
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Das ist kein Spott – ich glaub’s ja gerne,
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Doch – hat euch in der ersten Nacht
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Der Brandung Donnern in der Ferne
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Nicht immer um den Schlaf gebracht?
 
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War’s nicht – mit keinem zu vertauschen –
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Ein tief ergreifendes Gefühl,
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Als ihr, dem dumpfen Prall zu lauschen,
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Den Kopf erhobt vom Daunenpfühl?
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Und hört ihr’s nicht im Geiste wieder,
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Das Donnern an der Düne Saum,
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Das, monoton wie unsre Lieder,
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Euch aufgeschreckt aus süßem Traum?
 
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Vernahmt ihr das gemessne Klopfen,
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Unheimlich, deutlich, ob auch schwach,
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Mit dem die Regenperlen tropfen
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Vom Lindenbaum aufs Schindeldach,
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Bis sich das Haupt im Ueberwallen
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Der Trauer in den Kissen barg,
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Als hörtet ihr die Thränen fallen
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Eintönig schon auf euren Sarg?
 
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Der Wildbach stürzt sich über Klippen,
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Zu Schaum zerstäubt in schwarzen Schlund –
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Ihr steht dabei mit bleichen Lippen,
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Erschüttert in der Seele Grund?
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Ihr staunt und bebt? Ich frage wieder
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„Ist dieser weißen Wasser Fall
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Eintönig nicht wie unsre Lieder,
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Wie unsrer Weisen düstrer Hall?“
 
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Der Uebermuth ist mannigfaltig,
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Die Lust ist jedes Wechsels voll –
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Eintönig, finster und gewaltig
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Sind Zorn und Klage, Haß und Groll.
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Stimmt eurer Instrumente Menge,
70 
Gebt ein Konzert, doch glaubet mir:
71 
Ihr kommt unrettbar in die Enge,
72 
Denn Sturm und Brandung bringen wir!
Arbeitsblatt zum Gedicht
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Details zum Gedicht „An unsere Gegner“

Anzahl Strophen
9
Anzahl Verse
72
Anzahl Wörter
411
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichts „An unsere Gegner“ ist Rudolf Lavant, geboren am 30. November 1844 und gestorben am 6.Dezember 1915. Eine zeitliche Einordnung würde daher in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts fallen, eine Zeit, die den Realismus in der deutschen Literatur betont.

Beim ersten Eindruck fallen zunächst die klaren und direkten Ansprachen an „Gegner“ auf. Der Ton des Gedichts ist defensiv, teilweise sogar konfrontativ mit einer gewissen Spott- und Kritiknote – man sieht, dass es sich um eine Auseinandersetzung mit Kritikern handelt.

Im ersten Teil des Gedichts nimmt das lyrische Ich Stellung zu Kritikern, die ihm und seiner Kunst Mängel vorwerfen. Es gibt zu, dass seine Art der Kunst nicht leicht verständlich ist und dass er sich nicht an den gemeinhin geläufigen Formen der Kunst orientiert.

Im weiteren Verlauf versucht das lyrische Ich seinen Standpunkt mit Hilfe von Naturbildern zu unterstreichen. Es vergleicht seine Kunst mit dem kraftvollen, monotonen Brausen von Wind und Wellen, dem gleichmäßigen Tropfen von Regen, dem stürzenden Wildbach - und stellt fest, dass diese Eintönigkeit der Natur ebenfalls berühren und ergründen kann.

In Bezug auf die Form und Sprache des Gedichts fällt auf, dass das Gedicht in neun Strophen unterteilt ist, die jeweils acht Verse umfassen. Das konsequente Durchhalten dieser Form gibt dem Gedicht eine gewisse Strenge und Struktur.

Inhaltlich verwendet Lavant eine deutliche und emotionale Sprache, in der er seine Gegner direkt anspricht und konfrontiert. Dabei bedient er sich sprachlicher Bilder und Metaphern, die vor allem aus der Natur entstammen. Generell lässt sein Sprachgebrauch eine gewisse Distanz zu den Regeln klassischer Dichtung erkennen – was im Kontext zu seiner Kritik an diesen Regeln steht.

Das Gedicht wirkt wie eine leidenschaftliche Verteidigung Lavants eigener künstlerischer Arbeit und eine Provokation gegenüber seinen Kritikern. Es zeigt auch, dass Lavant sich der kritischen Auseinandersetzung mit seiner Kunst bewusst ist und diese durch seine Worte bewusst intensiviert. Dabei nimmt er eine Haltung ein, die zwar die Kritik seiner Gegner anerkennt, diese aber gleichzeitig auch als deren beschränkte Sichtweise entlarvt.

Weitere Informationen

Der Autor des Gedichtes „An unsere Gegner“ ist Rudolf Lavant. Im Jahr 1844 wurde Lavant in Leipzig geboren. 1893 ist das Gedicht entstanden. Erscheinungsort des Textes ist Stuttgart. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text den Epochen Naturalismus oder Moderne zugeordnet werden. Prüfe bitte vor Verwendung die Angaben zur Epoche auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epochen ist auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich Literaturepochen zeitlich überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung häufig mit Fehlern behaftet. Das vorliegende Gedicht umfasst 411 Wörter. Es baut sich aus 9 Strophen auf und besteht aus 72 Versen. Der Dichter Rudolf Lavant ist auch der Autor für Gedichte wie „Agrarisches Manifest“, „An Herrn Crispi“ und „An das Jahr“. Zum Autor des Gedichtes „An unsere Gegner“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 96 Gedichte vor.

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