Adel von Achim von Arnim
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Zwei Zeiten streiten, |
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Und die veralten |
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Sich nicht mehr halten, |
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Die alten Zeiten |
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Einst waren schöne, |
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Auch Frühlingssöhne! |
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Die Frühlingssöhne |
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Vom kalten Wetter |
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Sind dürre Blätter, |
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Doch von Gewöhnen |
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Noch fest am Stamme, |
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Es hält zusammen. |
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Die Frühlingsstürme |
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Durchziehn die Lüfte, |
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Und selbst die Klüfte |
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Belebt Gewürme, |
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Es kommen Schwärme |
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Mit wildem Lärmen. |
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Wozu der Tadel, |
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Ihr wart einst jünger |
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Und nicht geringer, |
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Ihr Herrn von Adel, |
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Doch nur mit Fechten |
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Könnt ihr jetzt rechten. |
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Der ältste Herzog, |
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Der soll sie führen, |
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Man kann es spüren, |
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Wie lang' sie scherzen, |
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Da ist kein Wachen, |
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Kein Ronden machen. |
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Sie sind umgangen, |
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Noch eh geschlagen; |
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Noch ist kein Zagen, |
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Noch ist kein Bangen, |
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Der Feind mit Listen |
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Will sich schon rüsten. |
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Der graue Nebel |
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Der alten Zeiten, |
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Der will sich breiten, |
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Durchhaun vom Säbel |
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Muß er sich flüchten, |
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Sie stehn im Lichten. |
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Sie sind sich nahe, |
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Sich zu erreichen, |
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Will keiner weichen |
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So weit ich sahe; |
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So wird am Tage |
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Die Welt zerschlagen. |
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Der Adel stehet |
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Mit seinem Blute, |
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Mit hohem Hute, |
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Daß ihr ihn sehet, |
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Sie müssen's fühlen, |
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Die Feinde zielen. |
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Noch stehn die Glieder, |
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Der Herzog grüßet, |
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Und kläglich schießet |
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Der Feind ihn nieder. |
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Der Herzog sinket, |
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Kein Führer winket. |
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Wie Opfertiere |
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Gehn die Soldaten, |
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Sind sie verrathen, |
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Daß keiner führe; |
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Da ist kein Fragen, |
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Sie sind geschlagen. |
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Es sehn mit Reuen, |
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Was nun geschehen, |
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Was ungeschehen |
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Sehr viele scheuen. |
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Wer kann es sagen, |
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Ohn' Scheu zu tragen. |
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Die Helden bilden |
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Nicht Väter, Güter, |
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Nur die Gemüther, |
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Nur Muth kann schilden |
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Nur kluges Schaffen |
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Mit tücht'gen Waffen. |
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Die Holden bilde |
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Mit guter Waffe |
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Und nicht mit Strafe, |
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Mit Ernst und Milde, |
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Und die Gemeinen |
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Muß Freiheit einen. |
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Mit gleichen Tritten, |
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Mit starren Augen, |
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Will keiner taugen; |
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Auch die beritten |
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Ganz trotzig ruhen, |
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Bis nichts zu thuen. |
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Steht auch wie Mauern, |
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Könnt ihr nicht streiten, |
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Wozu soll's leiten, |
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Die Feinde lauern, |
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Die gleichen Glieder, |
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Sie stürzen nieder. |
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Lauft all' zusammen |
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Und kehrt dann wieder, |
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Und eure Brüder, |
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Beschwört das Stammen |
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Aus edlen Samen |
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Die Gottes Namen. |
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Des Adels Wappen |
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Ist da zerstreuet, |
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Doch daß nicht reuet |
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Der bunte Lappen. |
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Seid all' von Adel |
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Ein Volk ohn' Tadel. |
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Wer nicht bei Zeiten |
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Das Feuer kennet, |
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Sich leicht verbrennet, |
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Und wird es meiden; |
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Drum laufen alle |
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Mit lautem Schalle. |
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Wie sollte enden, |
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Was fest gerennet, |
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Sich Weisheit nennet, |
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Das Blatt zu wenden, |
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Ward Krieg auf Erden, |
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Um gleich zu werden. |
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Die neuen Zeiten, |
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Sie nennen Adel, |
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Was ohne Tadel |
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Die Geister leiten. |
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Der Schein, die Plage |
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Versinkt am Tage. |
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Die alten Stämme, |
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Die alten Blätter |
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Herab ein Wetter, |
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Hinweg die Dämme, |
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Der Ehre Fluthen |
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In Allen gluthen. |
Details zum Gedicht „Adel“
Achim von Arnim
22
132
434
1781 - 1831
Romantik
Gedicht-Analyse
Das vorliegende Gedicht stammt von Achim von Arnim und datiert auf das 19. Jahrhundert. Auf den ersten Eindruck wirkt das Gedicht komplex und vielschichtig, da es viele metaphorische Elemente und Zeitenwechsel beinhaltet.
Das Gedicht in einfachen Worten wiedergegeben: Der Text handelt von den Konflikten zwischen alten und neuen Zeiten. Der Adel, repräsentativ für die alte Ordnung und Traditionen, steht im Zentrum des Betrachtungen. Die alten Adeligen werden im Vergleich zu jungen, dynamischen und lebendigen Elementen dargestellt. Das „lyrische Ich“ scheint dabei eine Position der Kritik und des Appells einzunehmen: Es sieht den Adel veraltet, unflexibel und vom Untergang bedroht und fordert ein Umdenken.
Bezüglich der Form ist das Gedicht in 22 Strophen unterteilt, jede bestehend aus sechs Versen. Die Sprache ist unkompliziert und durch den Gebrauch von Metaphern und Vergleichen poetisch. Es lassen sich viele Bilder erkennen, oft mit Assoziation zu Kampf und Konflikt (wie „Waffen“, „Fechten“ und „Schlacht“). Zugleich finden sich viele Verweise auf den Wandel der Zeiten („die alten Blätter“, „die neuen Zeiten“).
Trotz des relativ einfachen Wortschatzes wird durch diese Bildsprache eine tiefe Schicht von Bedeutungen kreiert. Das Gedicht lädt den Leser dazu ein, über Vergänglichkeit, gesellschaftliche Strukturen und den Wandel der Zeit nachzudenken. Durch die wiederkehrenden Appelle und Vorhersagen einer gesellschaftlichen Umwälzung kann es auch als politisches Gedicht verstanden werden.
Es scheint, dass von Arnim mit diesem Gedicht einen Aufruf zur Neugestaltung der Gesellschaft und zur Überwindung überkommener Strukturen machen wollte. Der Adel wird dabei als starres, nicht mehr zeitgemäßes System dargestellt, das jedoch immer noch an der Macht festhält. Der Nobelpreis für Literatur und die Vorstellung von einer Art moralischem Adel scheinen als mögliche Alternativen und Lösungen zur Überwindung der alten Ordnung dargestellt zu werden. Von Arnim scheint also eine individualistische, meritokratische Gesellschaft zu befürworten, in der der Wert eines Menschen nicht von seiner Abstammung, sondern von seinen Fähigkeiten und seinem Charakter bestimmt wird.
Weitere Informationen
Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Adel“ des Autors Achim von Arnim. 1781 wurde Arnim in Berlin geboren. In der Zeit von 1797 bis 1831 ist das Gedicht entstanden. Aufgrund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors kann der Text der Epoche Romantik zugeordnet werden. Arnim ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche.
Der Romantik vorausgegangen waren die Epochen der Weimarer Klassik und der Aufklärung. Die Literaturepoche der Romantik ist zeitlich vom Ende des 18. Jahrhunderts bis weit in das 19. Jahrhundert hinein einzuordnen. Insbesondere auf den Gebieten der bildenden Kunst, der Literatur und der Musik hatte diese Epoche Auswirkungen. Die Epoche wird in Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848) unterschieden. Die Zeit der Romantik war für die Menschen in Europa von bedeutenden Umbrüchen geprägt. Die Französische Revolution (1789 - 1799) zog weitreichende Folgen für ganz Europa nach sich. Auch der Fortschritt in Technik und Wissenschaft, der den Beginn des industriellen Zeitalters einläutete, verunsicherte die Menschen und prägte die Gesellschaft. Wesentliche Motive in der Lyrik der Romantik sind die Ferne und Sehnsucht sowie das Gefühl der Heimatlosigkeit. Weitere Motive sind das Fernweh, das Nachtmotiv oder die Todessehnsucht. So symbolisierte die Nacht nicht nur die Dunkelheit, sondern auch das Geheimnisvolle, Mysteriöse und galt als Ursprung der Liebe. Merkmale der Romantik sind die Hinwendung zur Natur, die Weltflucht oder der Rückzug in Traumwelten. Insbesondere ist aber auch die Idealisierung des Mittelalters aufzuzeigen. Architektur und Kunst des Mittelalters wurden von den Vertretern der Romantik wieder geschätzt. Die Stilepoche kennzeichnet sich vor allem durch offene Formen in Texten und Gedichten. Phantasie ist für die Schriftsteller der Romantik das Maß aller Dinge. Die Trennung zwischen Wissenschaft und Poesie, zwischen Wirklichkeit und Traum soll durchbrochen werden. Die Schriftsteller der Romantik streben eine Verschmelzung von Kunst und Literatur an. Ihr Ziel ist es, alle Lebensbereiche zu poetisieren.
Das 434 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 132 Versen mit insgesamt 22 Strophen. Der Dichter Achim von Arnim ist auch der Autor für Gedichte wie „Der Weber und die Spinnerin“, „Bibliothek“ und „Zur Weihnachtszeit“. Zum Autor des Gedichtes „Adel“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 173 Gedichte vor.
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