An die Menschengesichter von Gottfried August Bürger

Ich habe was Liebes, das hab ich zu lieb;
Was kann ich, was kann ich dafür?
Drum sind mir die Menschengesichter nicht hold:
Doch spinn ich ja leider nicht Seide, noch Gold,
Ich spinne nur Herzeleid mir.
 
Auch mich hat was Liebes im Herzen zu lieb;
Was kann es, was kann es fürs Herz?
Auch ihm sind die Menschengesichter nicht hold:
Doch spinnt es ja leider nicht Seide noch Gold,
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Es spinnt sich nur Elend und Schmerz.
 
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Wir seufzen und sehnen, wir schmachten uns nach,
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Wir sehnen und seufzen uns krank.
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Die Menschengesichter verargen uns das;
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Sie reden, sie tun uns bald dies und bald das,
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Und schmieden uns Fessel und Zwang.
 
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Wenn ihr für die Leiden der Liebe was könnt,
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Gesichter, so gönnen wir's euch.
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Wenn wir es nicht können, so irr es euch nicht!
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Wir können, ach leider! wir können es nicht,
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Nicht für das mogolische Reich!
 
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Wir irren und quälen euch andre ja nicht;
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Wir quälen ja uns nur allein.
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Drum, Menschengesichter, wir bitten euch sehr,
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Drum laßt uns gewähren, und quält uns nicht mehr,
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O laßt uns gewähren allein!
 
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Was dränget ihr euch um die Kranken herum,
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Und scheltet und schnarchet sie an?
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Von Schelten und Schnarchen genesen sie nicht.
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Man liebet ja Tugend, man übet ja Pflicht;
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Doch keiner tut mehr, als er kann.
 
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Die Sonne, sie leuchtet; sie schattet, die Nacht;
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Hinab will der Bach, nicht hinan;
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Der Sommerwind trocknet; der Regen macht naß;
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Das Feuer verbrennet. - Wie hindert ihr das? -
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O laßt es gewähren, wie's kann!
 
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Es hungert den Hunger, es dürstet den Durst;
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Sie sterben von Nahrung entfernt.
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Naturgang wendet kein Aber und Wenn. -
39 
O Menschengesichter, wie zwinget ihr's denn,
40 
Daß Liebe zu lieben verlernt?
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (27 KB)

Details zum Gedicht „An die Menschengesichter“

Anzahl Strophen
8
Anzahl Verse
40
Anzahl Wörter
289
Entstehungsjahr
1778
Epoche
Sturm & Drang

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „An die Menschengesichter“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Gottfried August Bürger. Im Jahr 1747 wurde Bürger in Molmerswende im Ostharz geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1778 zurück. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zur Epoche Sturm & Drang zu. Bei dem Schriftsteller Bürger handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche.

Die Epoche des Sturm und Drang reicht zeitlich etwa von 1765 bis 1790. Sie ist eine Strömung innerhalb der Aufklärung (1720–1790) und überschneidet sich teilweise mit der Epoche der Empfindsamkeit (1740–1790) und ihren Merkmalen. Häufig wird die Epoche des Sturm und Drang auch als Genieperiode oder Geniezeit bezeichnet. Die Klassik knüpft an die Literaturepoche des Sturm und Drang an. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte der Geist der Aufklärung das literarische und philosophische Denken im deutschen Sprachraum. Der Sturm und Drang „stürmte“ und „drängte“ als Protest- und Jugendbewegung gegen diese aufklärerischen Ideale. Ein wesentliches Merkmal des Sturm und Drang ist somit ein Rebellieren gegen die Epoche der Aufklärung. Bei den Vertretern der Epoche des Sturm und Drang handelte es sich vorwiegend um Schriftsteller jüngeren Alters. Um die subjektiven Empfindungen des lyrischen Ichs zum Ausdruck zu bringen, wurde insbesondere darauf geachtet eine geeignete Sprache zu finden und in den Gedichten einzusetzen. Die Nachahmung und Idealisierung von Künstlern aus vergangenen Epochen wie dem Barock wurde abgelehnt. Die alten Werke wurden dennoch geschätzt und dienten als Inspiration. Es wurde eine eigene Jugendkultur und Jugendsprache mit kraftvollen Ausdrücken, Ausrufen, Wiederholungen und Halbsätzen geschaffen. Die Epoche des Sturm und Drang endete mit der Hinwendung Schillers und Goethes zur Weimarer Klassik.

Das Gedicht besteht aus 40 Versen mit insgesamt 8 Strophen und umfasst dabei 289 Worte. Gottfried August Bürger ist auch der Autor für Gedichte wie „Lenore“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „An die Menschengesichter“ keine weiteren Gedichte vor.

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