Mathematik und
Kunst
... und was hat das mit Florenz zu
tun ?! ...
Als Treffpunkt der Renaissancedenker zeigten
sich in Florenz die Veränderungen der Kunst schon sehr früh. So kam
es, daß bereits im Jahre 1436 der Florentiner Künstler Leon Battista
Alberti (1404-1472) in "Della Pittura" ("Über die Malerei") seine Theorie
der Zentralperspektive darlegte. Sein erstes perspektivisches Bild, ein
Fliesenfußboden, erfüllte folgende von der Zentralperspektive
geforderte Kriterien : (1.) senkrechte Linien bleiben grundsätzlich
senkrecht. (2.) Waagerechte Linien parallel zum Horizont bleiben waagerecht, in
die Tiefe gehende dagegen streben zu einem Punkt am Horizont zusammen - dem
sogenannten Fluchtpunkt. Damit erscheinen alle Objekte des Hintergrunds
verkleinert. Um die Tiefe zu bestimmen, verband er Punkte auf der vorderen
"Bildkante" mit einem weit außerhalb des Bildes auf Höhe des
Horizonts befindlichen Punktes, dem Augenpunkt. Durch die Kreuzungspunkte dieser
Geraden mit dem seitlichen Bildrand zeichnete er Geraden parallel zum Horizont.
Diese stellten Tiefenlinien in gleichmäßigem Abstand
dar.
Die gesamte Theorie der
Perspektive baut auf den mittelalterlichen Vorstellungen des Sehens auf. Das vom
Auge wahrgenommene Bild ist dieser Vorstellung nach ein Schnitt durch den
"Sehpyramide" (oder auch "Sehkegel"). Dieser wird aus den "Sehstrahlen"
gebildet; Strahlen, die vom Objekt zum Auge hin (oder auch umgekehrt, je nach
Auffassung ...) verlaufen. Die Spitze der Pyramide liegt beim Auge, die
Grundfläche entspricht dem sichtbaren Objekt. Der mittlere Strahl, der
sogenannte "Zentrumstrahl", den Alberti "den Prinzen aller Strahlen" nannte, ist
die Achse der Pyramide und stellt die Verbindung zwischen dem Auge und dem
Fluchtpunkt her. Der Versuch, die Welt so darzustellen, wie sie dem Auge
erscheint, war für Alberti und seine Zeitgenossen ein Mittel zur
Erforschung der Gesetze der optischen
Wahrnehmung.
Schon in den Jahren vor
Albertis Definition der Zentralperspektive formulierte der Schöpfer der
Domkuppel von Florenz, Filippo Brunelleschi (1377-1446) den Aufbau der
Mehrpunktperspektive, die er anhand von zwei Tafeln von Florentiner Gebäude
verdeutlichte. Er versuchte zu beweisen, daß auch die Flächenkunst
die Vollkommenheit angewandter Mathematik erreichen kann, vorausgesetzt man
wendet die von ihm entwickelte Methode an. Sie besteht aus mindestens zwei
außerhalb des Bildes liegenden Fluchtpunkten, zu denen die in der
Wirklichkeit in die Tiefe gehenden waagerechten Linien verlaufen. Vorteil dieser
Methode ist, daß man auch Objekte, die sich in der Mitte des Bildes oder
mit einer Kante nach vorne räumlich darstellen kann. Dies ist speziell beim
zweiten Fall mit der Zentralperspektive annähernd unmöglich.
Die von Brunelleschi entwickelte
Methode fand sehr schnell Zuspruch, vor allem weil es für jeden
möglich war, die auf den Tafeln dargestellten Gebäude mit der
Realität zu vergleichen und die verblüffende Ähnlichkeit zu
bewundern. Die Methode veränderte bald das allgemeine künstlerische
Methodenbewußtsein. Allerdings fand sie nicht nur Anhänger. Mit der
Begründung, es stelle die Wirklichkeit unter einem schieren Zufallsaspekt
dar, wurde die Mehrpunktperspektive ein ganzes Jahrhundert lang aus den Kirchen
verbannt.
Anders bei der
Einpunktperspektive, einem Vorgänger der Zentralperspektive. Sie wurde von
dem Miniaturmaler, Bildhauer, Architekt und gelehrten Dominikaner Alessio
Strozzi entdeckt. Seine Technik wurde zum ersten Mal bei dem Fresko
"Trinità" in der Ordenskirche Santa Maria Novella angewandt, das 1425
unter Strozzis Leitung von dem jungen Masaccio (1401-1428) gemalt wurde. Das
Fresko ist an sich allerdings nicht ganz stimmig, denn sein perfekter
Illusionismus scheint die bisherige antiillusionistische Haltung der Dominikaner
zu widerlegen.
In der Theorie wurde
die Linearperspektive schlicht als eine angewandte Optik begriffen. Das ist sie
auch, aber in der Praxis war sie noch mehr : Eine Synthese aus angewandter
Naturwissenschaft und Theologie. Sie machte es möglich, das Sichtbare so,
wie es (im Idealfall) erscheint, darzustellen - als eine nach Zahl und Maß
dem Betrachter zur Verfügung gestellte
Realität.
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