Zwischenreich von Theodor Storm

Meine ausgelaßne Kleine,
Ach, ich kenne sie nicht mehr;
Nur mit Tanten und Pastoren
Hat das liebe Herz Verkehr.
 
Jene süße Himmelsdemut,
Die der Sünder Hoffart schilt,
Hat das ganze Schelmenantlitz
Wie mit grauem Flor verhüllt.
 
Ja, die brennend roten Lippen
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Predigen Entsagung euch;
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Diese gar zu schwarzen Augen
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Schmachten nach dem Himmelreich.
 
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Auf die Tiziansche Venus
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Ist ein Heil'genbild gemalt;
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Ach, ich kenne sie nicht wieder,
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Die so schön mit uns gedahlt.
 
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Nirgends mehr für blaue Märchen
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Ist ein einzig Plätzchen leer;
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Nur Traktätlein und Asketen
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Liegen haufenweis umher.
 
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Wahrlich, zum Verzweifeln wär es
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Aber, Schatz, wir wissen schon,
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Deinen ganzen Götzenplunder
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Wirft ein einz'ger Mann vom Thron.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (24.6 KB)

Details zum Gedicht „Zwischenreich“

Anzahl Strophen
6
Anzahl Verse
24
Anzahl Wörter
109
Entstehungsjahr
1817 - 1888
Epoche
Realismus

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Zwischenreich“ wurde von dem deutschen Dichter Theodor Storm geschrieben, der von 1817 bis 1888 lebte. Storm gehörte zur literarischen Strömung des Realismus, die sich durch die präzise Darstellung der Wirklichkeit und den Wunsch nach gesellschaftlicher Verbesserung auszeichnet.

Beim ersten Lesen des Gedichts fallen die starke Emotionalität und der Hinweis auf eine persönliche Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und der „ausgelassenen Kleinen“ auf.

Inhaltlich dreht sich das Gedicht um die Entfremdung einer geliebten Person. Das lyrische Ich beschreibt eine Veränderung im Aussehen und Verhalten der Person, die zu einer Distanz in ihrer Beziehung führt. Diese Veränderung wird vor allem durch die Überschattung von früherer Fröhlichkeit und Naivität durch eine unerreichbare spirituelle Erhabenheit symbolisiert. Der Ton des Gedichts schwankt zwischen Resignation und Kritik.

Formal besteht das Gedicht aus sechs gleichgebauten Strophen zu je vier Versen. Jede Strophe fokussiert jeweils auf einen anderen Aspekt der Veränderung: Kontakt zu anderen Personen, Verlust der früheren Persönlichkeit, rigorose Entsagung, Veränderung der Wahrnehmung, Verlust der kindlichen Phantasie und schließen mit der Hoffnung auf Befreiung von all diesen.

Sprachlich fällt auf, dass Storm in diesem Gedicht eine einfache, direkte und alltägliche Sprache verwendet. Er benutzt zahlreiche Metaphern und Vergleiche, um seine Emotionen und Eindrücke zu vermitteln. Die Worte „Tanten und Pastoren“, „Himmelsdemut“ und „schwarzen Augen“ implizieren eine Absage an weltliche Freuden zugunsten einer religiösen Hingabe, während „Götzenplunder“ einen negativen Eindruck von dieser Entwicklung vermittelt.

Zusammenfassend thematisiert das Gedicht „Zwischenreich“ von Theodor Storm den Verlust eines geliebten Menschen durch Veränderungen in ihrer Lebensweise und Wahrnehmung. Dabei kritisiert und hinterfragt das lyrische Ich diese Veränderungen durch die Betonung der negativen Auswirkungen auf ihre Beziehung.

Weitere Informationen

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Zwischenreich“ des Autors Theodor Storm. Im Jahr 1817 wurde Storm in Husum geboren. In der Zeit von 1833 bis 1888 ist das Gedicht entstanden. Eine Zuordnung des Gedichtes zur Epoche Realismus kann aufgrund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Bei dem Schriftsteller Storm handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das 109 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 24 Versen mit insgesamt 6 Strophen. Der Dichter Theodor Storm ist auch der Autor für Gedichte wie „Von Katzen“, „Weihnachtslied“ und „Das ist der Herbst“. Zum Autor des Gedichtes „Zwischenreich“ haben wir auf abi-pur.de weitere 131 Gedichte veröffentlicht.

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