An die Soldaten des großen Krieges von Gerrit Engelke

Herauf! aus Gräben, Lehmhöhlen, Betonkellern, Steinbrüchen!
Heraus aus Schlamm und Glut, Kalkstaub und Aasgerüchen!
Herbei! Kameraden! Denn von Front zu Front, von Feld zu Feld
Komme euch allen der neue Feiertag der Welt!
Stahlhelme ab, Mützen, Käppis! und fort die Gewehre!
Genug der blutbadenden Feindschaft und Mordehre!
Euch alle beschwör' ich bei eurer Heimat Weilern und
Städten,
Den furchtbaren Samen des Hasses auszutreten, zu jäten,
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Beschwöre euch bei eurer Liebe zur Schwester, zur Mutter, zum Kind,
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Die allein euer narbiges Herz noch zum Singen stimmt.
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Bei eurer Liebe zur Gattin - auch ich liebe ein Weib!
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Bei eurer Liebe zur Mutter - auch mich trug ein Mutterleib!
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Bei eurer Liebe zum Kinde - denn ich liebe die Kleinen!
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Und die Häuser sind voll von Fluchen, Beten, Weinen!
 
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Lagst du bei Ypern, dem zertrümmerten? Auch ich lag dort.
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Bei Mihiel, dem verkümmerten? Ich war an diesem Ort.
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Dixmuide, dem umschwemmten? Ich lag vor deiner Stirn,
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In Höllenschluchten Verduns, wie du in Rauch und Klirrn,
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Mit dir im Schnee vor Dünaburg, frierend, immer trüber,
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An der leichenfressenden Somme lag ich dir gegenüber.
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Ich lag dir gegenüber überall, doch wußtest du es nicht!
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Feind an Feind, Mensch an Mensch und Leib an Leib, warm und dicht.
 
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Ich war Soldat und Mann und Pflichterfüller, so wie du,
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Dürstend, schlaflos, krank - auf Marsch und Posten immerzu.
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Stündlich vom Tode umstürzt, umschrien, umdampft,
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Stündlich an Heimat, Geliebte, Geburtsstadt gekrampft
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Wie du und du und ihr alle. -
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Reiß auf deinen Rock! Entblöße die Wölbung der Brust!
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Ich sehe den Streifschuß von fünfzehn, die schorfige Krust,
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Und da an der Stirn vernähten Schlitz vom Sturm bei Tahüre -
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Doch daß du nicht denkst, ich heuchle, vergelt' ich mit gleicher Gebühr:
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Ich öffne mein Hemd: hier ist noch die vielfarbige Narbe am Arm!
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Der Brandstempel der Schlacht! von Sprung und Alarm,
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Ein zärtliches Andenken lang nach dem Kriege.
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Wie sind wir doch stolz unsrer Wunden! Stolz du der deinigen,
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Doch nicht stolzer als ich auch der meinigen.
 
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Du gabst nicht besseres Blut, und nicht rötere Kraft,
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Und der gleiche zerhackte Sand trank unsern Saft! -
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Zerschlug deinen Bruder der gräßliche Krach der Granate?
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Fiel nicht dein Onkel, dein Vetter, dein Pate?
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Liegt nicht der bärtige Vater verscharrt in der Kuhle?
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Und dein Freund, dein lustiger Freund aus der Schule? -
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Hermann und Fritz, meine Vettern, verströmten im Blute,
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Und der hilfreiche Freund, der Jüngling, der blonde und gute.
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Und zu Hause wartet sein Bett, und im ärmlichen Zimmer
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Seit sechzehn, seit siebzehn die gramgraue Mutter noch immer.
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Wo ist uns sein Kreuz und sein Grab! -
 
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Franzose du, von Brest, Bordeaux, Garonne,
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Ukrainer du, Kosak vom Ural, Dnjestr und Don,
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Österreicher, Bulgare, Osmanen und Serben,
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Ihr alle im rasenden Strudel von Tat und von Sterben -
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Du Brite aus London, York, Manchester,
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Soldat, Kamerad, in Wahrheit Mitmensch und Bester -
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Amerikaner, aus den volkreichen Staaten der Freiheit:
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Wirf ab: Sonderinteresse, Nationaldünkel und Zweiheit!
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Warst du ein ehrlicher Feind, wirst du ein ehrlicher Freund.
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Hier meine Hand, daß sich nun Hand in Hand zum Kreise binde
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Und unser neuer Tag uns echt und menschlich finde.
 
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Die Welt ist für euch alle groß und schön und schön!
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Geht her! staunt auf! nach Schlacht und Blutgestöhn:
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Wie grüne Meere frei in Horizonte fluten,
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Wie Morgen, Abende in reiner Klarheit gluten,
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Wie aus den Tälern sich Gebirge heben,
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Wie Milliarden Wesen uns umbeben!
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O, unser allerhöchstes Glück heißt: Leben! -
 
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O, daß sich Bruder wirklich Bruder wieder nenne!
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Daß Ost und West den gleichen Wert erkenne:
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Daß wieder Freude in die Völker blitzt:
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Und Mensch an Mensch zur Güte sich erhitzt!
 
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Von Front zu Front und Feld zu Feld,
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Laßt singen uns den Feiertag der neuen Welt!
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Aus aller Brüsten dröhne eine Bebung:
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Der Psalm des Friedens, der Versöhnung, der Erhebung!
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Und das meerrauschende, dampfende Lied,
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Das hinreißende, brüderumarmende,
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Das wilde und heilig erbarmende
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Der tausendfachen Liebe laut um alle Erden!

Details zum Gedicht „An die Soldaten des großen Krieges“

Anzahl Strophen
8
Anzahl Verse
78
Anzahl Wörter
650
Entstehungsjahr
1890 - 1918
Epoche
Expressionismus

Gedicht-Analyse

Gerrit Engelke ist der Autor des Gedichtes „An die Soldaten des großen Krieges“. Geboren wurde Engelke im Jahr 1890 in Hannover. In der Zeit von 1906 bis 1918 ist das Gedicht entstanden. Das Gedicht lässt sich anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her der Epoche Expressionismus zuordnen. Der Schriftsteller Engelke ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das vorliegende Gedicht umfasst 650 Wörter. Es baut sich aus 8 Strophen auf und besteht aus 78 Versen. Weitere bekannte Gedichte des Autors Gerrit Engelke sind „Du wolltest nicht“, „Die Rede des Dichters vom Berge“ und „Der Tod im Schacht“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „An die Soldaten des großen Krieges“ weitere 14 Gedichte vor.

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