Prosa - Analyse von Prosatexten

Schlagwörter:
Schema zur Analyse eines Auszugs aus einem Prosatext, Formen der Erzählerrede, Erzähler, Erzählform, Erzählverhalten, Erzählstandort, Erzählhaltung, Leitmotive, Referat, Hausaufgabe, Prosa - Analyse von Prosatexten
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Referat

Analyse von Prosatexten

1. Schritt: Formulierung eines ersten und vorläufigen Textverständnisses
Schon das erste Lesen eines Textes hinterlässt bestimmte Eindrücke beim Leser: Es ergibt sich eine Vorstellung von den Personen und ihren Beziehungen zueinander, von eventuell vorhandenen Konflikten und ihren Ursachen. Ob einem der Text gefallen hat oder eben nicht steht ebenfalls nach dem ersten Lesen fest. Diese ersten vagen Vorstellungen steuern unser Textverständnis. Es ist daher ratsam, sich die Punkte bewusst zu machen und zunächst stichwortartig zu notieren.


2. Schritt: Die eigentliche Textanalyse
Das vorläufige Textverständnis kann durch eine genauere Untersuchung untermauert oder aber korrigiert werden. Einen Erzähltext kann man mit Hilfe der nun folgenden Fragen analysieren:

  • Wer ist der Erzähler der Geschichte? (Ich-Erzählung oder Er-/Sie-Erzählung)
  • Was ist das Thema und was sind die zentralen Motive des Textes?
  • Welche Figuren kommen vor und in welcher Beziehung stehen sie zueinander?
  • Wie gestalten sich Ort, Zeit, Milieu und Atmosphäre der Geschichte?
  • Was sind die entscheidenden Handlungen oder Ereignisse? Wie baut sich der Handlungsablauf auf?
  • Wie ist die Erzählung aufgebaut? Gibt es zum Beispiel einen unvermittelten Anfang oder ein offenes Ende?
  • Wie ist die Zeitstruktur der Erzählung? Gibt es Rückblenden oder Vorausdeutungen? Wie sind verschiedene Zeitebenen miteinander verbunden, z.B. durch Assoziationen oder durch "Schnitt" wie im Film?
  • Aus welcher Perspektive wird erzählt?
  • Auf welche Weise werden gesprochene Sprache und Gedanken einer Person wiedergegeben (z.B. durch direkte oder indirekte Rede, durch inneren Monolog oder erlebte Rede)?
  • Welche Besonderheiten in der Sprache fallen auf (z.B. verschiedene Stilebenen, Metaphern und Vergleiche, Wiederholungen etc.)?


3. Schritt: Eine zusammenhängende Darstellung erarbeiten
Wenn man eine zusammenhängende schriftliche Interpretation verfasst, nennt man zunächst Autor und Titel des untersuchenden Textes und fasst den Inhalt des Textes möglichst kurz zusammen. Im Hauptteil werden die Ergebnisse der Analyse dargestellt, die man auch anhand von Textstellen belegt. Dabei versucht man, die einzelnen Befunde in ihren Sinnzusammenhängen zu erklären: Was soll mit der gewählten Erzählperspektive bewirkt werden, welche Funktionen haben die Sprachbilder? usw. (weitere Details, auf die eingegangen werden sollte, stellen wir weiter unten vor)

Am Schluss formuliert man eine kurze Bewertung des Textes. Eine gründliche Überarbeitung und Kontrolle der schriftliche Interpretation ist selbstverständlich.

Schema zur Analyse eines Auszugs aus einem Prosatext

  • Einleitungssatz
    • Autor, Titel, Textsorte, Jahr/Epoche, Thema des gesamten Romans
  • Einordnung in den Kontext
    • Stellung in der Romanhandlung und Bedeutung des Auszugs für den weiteren Verlauf
  • Deutungshypothese
    • Thema/Funktion des Auszugs
  • Inhaltsangabe
    • Gliederung des Auszugs in sinnvolle Abschnitte und Darstellung des Handlungsverlaufs
  • Analyse und Interpretation des Romanauszugs
    • Aufbau der Analysegedanken nach dem Dreischritt These-Erläuterung-Beleg
    • Mögliche Analyseaspekte (meist werden in der Aufgabenstellung Leitaspekte vorgegeben):
      • Figuren(gestaltung), Ereignisse
      • Handlungsstruktur
      • Raum- und Zeitgestaltung
      • Erzählweise und Darbietungsform
      • Wortwahl, Satzbau, Stil
      • Leitmotive
      • rhetorische Mittel
  • Reflexion
    • Zusammenfassung der Ergebnisse im Hinblick auf die Deutungshypothese, evtl. Erweiterung/Korrektur der Deutungshypothese
    • Darstellung der Bedeutung des Auszugs für die gesamte Handlung
    • begründete Einordnung in eine literarische Epoche mit Hilfe epochentypischer Merkmale, wie Themenwahl, formale Gestaltung sowie Aktualitätsbezug
    • evtl. persönliche Stellungnahme/Wertung

Verschiedene Details auf die in der Analyse eingegangen werden sollte

Formen der Erzählerrede

  • Raffender Bericht: Handlung wird straff und in starker Zeitraffung wiedergegeben, Geschehen nur in Umrissen dargestellt
  • Szenische Darstellung: Geschehen wird ausführlich, detailliert, zeitdeckend, nur in geringer Zeitraffung wiedergegeben, enthält häufig Figurenrede
  • Kommentar: ausführliche Äußerungen allgemeiner Art, Erzähler nimmt Stellung
  • Beschreibung, Reflexionen: Zustand einer Person oder Sache wird ausführlich dargestellt, während Handlung stillsteht

Der Erzähler/ Die Erzählerin

  • nicht Autor (real existierende Person, Intention)
  • fiktiv
  • präsentiert Geschichte
  • Autor schafft für Erzähler bestimmtes Erzählsystem

Erzählform

  • Er-/ Sie- Erzählung: Erzähler als Person im Hintergrund, kaum Informationen über Charakter, Vermittler der Geschichte, Kommentare
  • Ich- Erzählung: selbst Gegenstand des Erzählens, als Person greifbar
    • erzählendes Ich → Vermittler
    • erlebendes Ich → Perspektivfigur

Erzählverhalten

  • Auktorial: Erzähler greift in Erzählvorgang ein (Kommentare, Reflexionen, Urteile, Ansprachen, Hinweise, leitet Leser durch Geschichte, Distanz, allwissend) → Vermittler
  • Personal: Erzähler erzählt aus Perspektive bestimmter Person/en (weiß nicht mehr als diese Person) → Perspektivfigur
  • Neutral: höchste Objektivität, sachliche Berichte, Gespräche werden ohne Zwischenbemerkungen vorgetragen (szenisches Erzählen) → Kameraperspektive

Analyse des Erzählverhaltens

  • Ich- oder Er-Erzählung
  • Standort des Erzählers (auktorial, personal; Blickwinkel)
  • Wertvorstellungen des Erzählers (Weltanschauung, Ansichten, Einstellung)

Erzählstandort

  • Nähe: unmittelbar aus dem Geschehen heraus, geringer Überblick, spannungsfördernd
  • Distanz
  • Olympisch: Erzähler göttergleich, weiß und kennt alles (allwissend-omnipotent)

Sichtweise

  • Außensicht/äußere Handlung: Abfolge „sichtbarer“ Vorgänge
  • Innensicht/innere Handlung: geistige, seelische, moralische Entwicklung einer Figur-Gedanken, Gefühle

Erzählhaltung

  • Affirmativ (begeistert, einfache Zustimmung)
  • Neutral
  • Skeptisch
  • Distanziert (humorvoll, ironisch, kritisch, anlehnend)

Formen der Figurenrede

  • Direkte Rede: Äußerung der Figur wird wörtlich zitiert, Erzähler hält sich zurück
  • Indirekte Rede: Äußerung der Figur wird vom Erzähler referiert (Merkmale: „dass“, Gebrauch des Konjunktivs)
  • Rede- oder Gedankenbericht: Äußerungen der Figur werden vom Erzähler knapp zusammengefasst
  • Erlebte Rede: Gedanken der Figur werden vom Erzähler geschildert, Perspektive der Figur werden beibehalten
  • Bewusstseinsstromtechnik: Erzähler zitiert Gedanken wörtlich; stream of consciousness (Gedankenfetzen)

Die Geschichte

  • Fiktion
  • Geschehen (aus der Wirklichkeit, überlieferter Literatur, Fantasie des Autors)
  • Geschichte (sinnhafter Zusammenhang)
  • Fabel (Geschichte auf den chronologisch geordneten zentralen Handlungsstrang reduziert) → Inhaltsangabe = Fabel einer Geschichte wiedergeben

Figuren

  • Direkte Charakterisierung: Erzähler, andere Figuren oder Figur selbst erzählt über sich
  • Indirekte Charakterisierung: durch Beschreibung des Verhaltens, des Äußeren, Beziehungen
  • Äußere Merkmale: Alter, Körperbau, Aussehen
  • Soziale Merkmale: Beruf, Bildung, gesellschaftliche Stellung, Beziehungen, Herkunft
  • Verhalten: Gewohnheiten, Sprechweise, Charakter, Fähigkeiten, Schwächen
  • Denken und Fühlen: Interessen, Wünsche, Ängste, Weltbild, Ziele
  • Konstellation der Figuren: Beziehungsgeflecht, Zuneigung, Abneigung, Abhängigkeiten, Hierarchie
  • Konzeption der Figuren: statisch (gleichbleibender Charakter), dynamisch (Charakter verändert sich), typisiert (wenige Merkmale), komplex (viele individuelle Eigenschaften), geschlossen (klar verständliche Wesenszüge), offen (mehrdeutige Figur mit unerklärlichem Verhalten)

Raum

  • Korrespondiert teilweise mit Gefühlslagen und Stimmungen der Figuren und der Art des Handlungsverlaufs
  • Seelenlandschaft
  • Geographisch erkennbar
  • Charakteristische, einmalige Ausstattung
  • Voraussetzung für das Geschehen
  • Kann Figuren indirekt charakterisieren
  • Stimmungen ausdrücken
  • Symbolische Verdeutlichung von Inhalten und Problemen

Zeit

  • Historische Zeit (politische, soziale Hintergründe)
  • Tages- oder Jahreszeit
  • Lebensphase
  • Erzählzeit (Lesezeit): Zeit, in der die Geschichte erzählt/ gelesen wird
  • Erzählte Zeit: Zeitraum, in dem sich erzähltes Geschehen abspielt
  • Zeitdeckung: beide Zeiträume sind in etwa gleich
  • Zeitdehnung: Erzählzeit ist länger als erzählte Zeit
  • Zeitraffung: Erzählzeit ist kürzer als erzählte Zeit
  • Zeitsprung: Zeitabschnitt der Handlung wird übersprungen, die Erzählzeit beträgt null
  • Zeitpause: erzählte Zeit bleibt stehen, Handlung pausiert, Erzähler gibt Kommentare oder Beschreibungen

Abfolge der Sequenzen

  • Chronologie
  • Vorausdeutungen
  • Rückblenden
  • Parallelhandlungen (Polyphonie, Polyperspektivität)
  • Rahmen
  • Montage

Aufbauprinzipien

  • Wiederholung
  • Steigerung
  • Kontrast

Spannungsaufbau

  • Spannungserzeugung: Frage wird aufgeworfen
  • Spannungssteigerung: Interesse an Beantwortung der Frage wird gesteigert
  • Spannungsverzögerung: Beantwortung der Frage wird hinausgeschoben
  • Spannungslösung: Frage wird beantwortet

Leitmotive

  • Wiederkehrende Handlungselemente
  • Wiederholt verwendete sprachliche Bilder
  • Sich wiederholende Redewendungen, Gesten usw.

Stilebenen in der Figurenrede

  • Mittlere/normale Stilebene
  • Gehobene Stilebene (dichterisch, amtssprachlich)
  • Niedrige Stilebene (umgangssprachlich, jargonhaft, vulgär)

Stilfiguren

  • Wortfiguren (Periphrase, Metapher, Vergleich)
  • Satzfiguren (Häufung, Klimax, Ellipse)
  • Gedankenfiguren (Anrede, rhetorische Frage, Antithese, Ironie)
  • Wiederholungs- und Klangfiguren (Wortwiederholung, Alliteration)


Komposition- Anfangsszene

  • Einführung in das Thema
  • Aufbau der Situation: Umstände des Handlungsbeginns werden entfaltet
  • Resultat der Handlung: Ende wird an den Anfang gestellt
  • Auftaktszene: bedeutsame, wirkungsvolle Episode wird an den Anfang gestellt

Komposition- Schlusssituation

  • Geschlossenes Ende: Resultat, das Leser aufgrund der Handlungsentwicklung erwartet
  • Überraschendes Ende: unvermutete Wendung, Ergebnis entspricht nicht den Erwartungen
  • Offenes Ende: kein Resultat, das erwartet wurde, Leser muss selbst nach Lösung suchen

Analyse von Komposition und Stil

  • Anordnung der Erzählsequenzen (Anfangs-/Schlusssituation, kontinuierlich/diskontinuierlich, Rückblenden/Vorausdeutungen, Rahmen...)
  • Verknüpfung der Sequenzen (Spannungsverlauf, Leitmotive, Funktion)
  • Stilistische Besonderheiten (auffällige Stilelemente, stilistische Charakterisierung)

Leser

  • Impliziter Leser: fiktiver Leser, den sich Autor beim Schreiben vorstellt
  • Realer Leser: individuelles Verständnis des Erzählten

Analyse der Textgliederung

  • Analyse der Zeitstruktur (Zeitangaben)
  • Ortswechsel und Veränderungen in Figurenkonstellation
  • Sequenzen festlegen
  • Erzählweise und Hauptinhalt einzelner Sequenzen

Erzählhandlung

  • Ausgangssituation, die Möglichkeit zum Handeln bietet
  • Verhalten (Handeln) der Figuren
  • Ergebnis des Verhaltens (Handelns) → Erfolg/Misserfolg → neue Situation

Analyse des Stoffs

  • Handlungsverlauf: Handlungsschritte, Zusammenhang innere und äußere Handlung, symbolische Handlungen
  • Figuren: Merkmale, Veränderungen, Verhältnis direkte und indirekte Charakterisierung, Konzept, Konstellation
  • Raum: spielt Schauplatz Rolle für Handlungsverlauf, indirekte Charakterisierung oder Stimmungen der Figuren durch räumliche Ausstattung, symbolische Bedeutung
  • Zeitumstände: Auswirkung auf Handlung und Figuren, Bedeutung von Tages- und Jahreszeiten, Umgang mit der Zeit

Niederschrift

  • Einleitung: Grundinformation, Vorverständnis
  • Hauptteil: Überblick (Handlungszusammenhang, Sequenzen, Erzählweise, Hauptinhalt, Erzählverhalten), Analyse und Deutung der Sequenzen
  • Schluss (Zusammenfassung der Ergebnisse, abschließendes Textverständnis, eventuell Wertung)

Funktionen des Raumes

  • Handlungsraum: Bedingungsrahmen für Ereignisse und Handlungen, Orientierungsrahmen der handelnden Personen
  • Stimmungsraum: Ausdrucksträger mit expressivem Charakter, bestimmt Erlebnisse der Personen
  • Lebensraum: Raum, in dem Personen „zu Hause“ sind, bestimmt ihre Wirklichkeit (Arbeitswelt, häuslicher Alltag, Milieu)
  • Kontrastraum: Spannung zwischen Raum und erzählten Ereignissen/Handlungen, Widersprüche, Konflikte, räumliche Gegensätze (Stadt/Land, Heimat/Fremde)
  • Raumsymbol: symbolische Bedeutung für Gegenstand der Erzählung

Konflikt

  • Äußerer: Aufeinanderprallen zweier Auffassungen, Interessen, Ansprüche, Werteinstellungen, Mächte
  • Innerer: Person muss sich zwischen zwei Möglichkeiten/Pflichten/Pflicht und Neigung entscheiden

Untersuchung der Sprache

  • Satzbau (Parataxe-Aneinanderreihung von Hauptsätzen; Hypotaxe-Veschachtelte Nebensätze; Ausrufesätze; Fragesätze; Rhetorische Fragen; Ellipsen)
  • Wortwahl (dominierende Wortartverwendung-Nomen, Verben ...; konkreten, anschauliche Wörter; abstrakte, theoretische Begriffe; Konnotationen; Metaphern)
  • Einsatz rhetorischer Mittel
  • Sprachliche Gestaltungsweise (sachliche Sprache; appellative Absicht-Beeinflussung; Gefühlsbetonte Sprache-eigenes Empfinden im Vordergrund)

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